Wohnungsbau: Gesprächsrunde mit Politik und Wirtschaft

Trend in die Stadt durch Sanierung begleiten

Quelle: Wilhelmshavener Zeitung, 2. Juni 2010

Die wachsende Zahl älterer Menschen befördert den Trend: Wohnen in der Stadt ist wieder angesagt. Aber auch viele junge Leute schätzen es, dass in der Stadt einfach mehr los ist.

VON ULRICH MÜLLER-HEINCK

WILHELMSHAVEN – Wie sieht es mit Bauen und Wohnen in Wilhelmshaven und Friesland aus, aktuell und in der Zukunft? Dieser Frage nachgehen wollte die Industriegewerkschaft BAU mit ihrer Veranstaltung am Montagabend, zu der man neben Mitgliedern und der interessierten Öffentlichkeit kompetente Gesprächspartner und Referenten ins Kreuzelwerk eingeladen hatte.

“Die Bauwirtschaft ist ein wichtiger Motor der konjunkturellen Entwicklung”, hatte Kurt Michaelis als Moderator der IG BAU Wilhelmshaven in seiner Begrüßung betont. Auch bei zurückgehenden Neubauprojekten im Wohnungsbereich bleibe genug zu tun. So könne es etwa sinnvoll sein, die unübersehbaren Leerstände durch Sanierung in altengerechte Wohnungen zu verwandeln.

Die IG BAU setze sich dafür ein, den Abriss für nicht sanierungsfähige Wohnungen zu fördern, auf der anderen Seite den Abschreibungssatz für Investitionen in die Sanierung zu verdoppeln. Förderprogramme für entsprechend benötigte günstige Kredite sollten weiter fortgeschrieben werden.

Wolfgang Jägers, IG BAU-Regionalleiter, ging noch einen Schritt weiter. Er forderte ein Konjunkturpaket III, “um die Wirtschaft am Laufen zu halten”. Zur Finanzierung hatte Jägers einen speziellen Vorschlag mit Blick auf die durch Hinterziehung dem Staat entgehenden Steuern: “Man könnte ja noch mal eine CD aus Luxemburg kaufen…”.

Beim Trend unter dem Motto “Zurück in die Stadt” sehe er vor allem zwei Bewegungen: Die Älteren, die kein großes Haus und 1000-Quadratmeter- Grundstück mehr bewirtschaften mögen, die Jüngeren, die in der Stadtmehr erleben wollen, nach der Devise “Stadtluft macht frei”.

Aus der demografischen Entwicklung mit wachsendem Anteil älterer Bürger ziehen Oberbürgermeister Eberhard Menzel und Frieslands Landrat Sven Ambrosy die gleichen Schlüsse. “Die Zeiten flächenverbrauchender Siedlungspolitik sind vorbei”, (Menzel), “Wir müssen im Prinzip über Verdichtung reden und die Kerne stärken” (Ambrosy).

Die Gründe lägen auf der Hand: Bessere ärztliche und weitere Nahversorgung vor allem. Was die Stärkung urbaner Dichte angehe, habe man die Initiative in den Süden der Stadt verlagert, so Menzel. Man müsse überdies für den Bedarf gewappnet sein, der mit der kommenden Industrieansiedlung verbunden sei und entsprechend zusätzliche Wohnbauflächen ausweisen. Menzel stellte zudem die laufenden und geplanten Bauprojekte im Stadtgebiet vor, an erster Stelle den JadeWeserPort, aber auch verschönernde Maßnahmen wie den Ausbau der Jadeallee.

Die sich dem Wasser öffnende Stadt entwickele sich zu einem positiv ausstrahlenden Oberzentrum, sagte der frisch zum SPD-Landesvorsitzenden gewählte Olaf Lies. Er plädiere mit Blick auf die Gestaltung von Wohnraum auf ein “flexibles Wohnen”, das anders als altersgerechtes Wohnen garantieren solle, über alle persönlichen Lebensabschnitte hinweg in seinen vier Wänden bleiben zu können.

Für die beiden großen Wohnungsbaugenossenschaften in Wilhelmshaven, die Spar & Bau mit 3135 Wohnungen, den Bauverein Rüstringen (2933 Wohnungen), hoben Vorstandsmitglied Dieter Wohler sowie Vorstandsvorsitzender Frank Menzel die Vorzüge genossenschaftlichen Wohnens hervor. Die hohe Wohnzufriedenheit lasse sich nicht von ungefähr an der annähernden Vollbelegung des Bestandes ablesen.

Hohe Investitionen in Modernisierung, Energieeinsparung und Erhaltung, auf die unterschiedlichen Bedürfnisse zugeschneiderte Wohnraumkonzepte, soziale Begleitung zählen zu den Hauptvorteilen. Gleichzeitig sorgen überwiegende Auftragsvergaben vor Ort für die Sicherung hiesiger Arbeitsplätze. “Mensch vor Rendite” brachte Frank Menzel diese Philosophie auf eine Kurzformel.

Dass bei ausschließlich gewinnorientierten Unternehmen das Wohnen weit weniger entspannt sein kann, trat in der Diskussion zutage. Kritik wurde dabei auch am Bund laut, dem beim Verkauf aus eigenem Wohnungs­bestand heraus Zockermentalität vorgeworfen wurde. “Sollten solche Bestände nicht besser von den Baugenossenschaften übernommen werden?” lautete eine Frage.

Man habe zwar seinerseits die Ausschreibung mit dem höchsten Gebot gewonnen, erklärte Dieter Wohler für die Spar & Bau, der Bund habe dann aber das mitbietende Privatunternehmen animiert, die Summe zu überbieten, um wiederum ein neuerliches Überbieten durch die Spar & Bau zu erreichen. Wohler: “Das Spiel wollten wir nicht mitmachen.” Ergebnis: Der private Erwerber kam zum Zug und versuche jetzt, ohne Investitionen die Objekte wieder teuer zu verkaufen.